St. Sebastianus Schützenbruderschaft Richrath 1870 e.V. Die Gründungsgeschichte und der Verlauf der ersten 100 Jahre
Die erste Eintragung in dem Protokollbuch des Richrather Schützenbundes wurde am 26.Mai 1870 getätigt.
Sie ist auch die erste, schriftliche Erwähnung der Gründung der Richrather Bruderschaft. Inhaltlich ist zu lesen:
Unter dem Vorsitzenden des damaligen Bürgermeisters Neurath, versammelten sich in Berghausen in der Gaststätte Knoch, die Mitglieder des Richrather Schützenbundes aus Richrath, Immigrath und Berghausen, zur Verabschiedung der „erneuerten und resp. verbesserten Statuten“ und zur Neuwahl des endgültigen Vorstandes.
Mit absoluter Stimmenmehrheit wurde der erste Vorstand wie folgt gewählt.
1. Herr Friedrich Jansen – Chef des Bundes
2. Herr Bürgermeister Neurath – Chef der Krankenkasse,
3. Herr Wilhelm Decker jun. In Berghausen – Hauptmann 4. Herr August. Ern in Immigrath – Königsadjutant
5. Herr Joh. Duesberg in Berghausen – Bataillonsadjutant 6. Herr Fr. Groß in Immigrath – Premierleutnant
7. Herr Fr. Dickes in Goshl – Secondeleutnant 8. Herr H. Hucklenbruch in Immigrath und 9. Herr Gottl. Meier in Langenfeld, als Fahnenoffiziere 10. Herr Weingarten in Hucklenbruch – Fähnrich 11 .Herr Hackenbroich in Ganspohl – Protokollführer
12. Herr Th. Knoch in Berghausen – Rendant
In der 1. Vorstandssitzung waren 22 Personen anwesend. Sie beschlossen damals, dass das 1. Schützenfest am 24. oder 31.Juli für 2 Tage gefeiert werden sollte. Man sprach hier auch schon über eine einheitliche Schützentracht.
Dazu möchte ich gerne noch eine weitere Eintragung im Protokollbuch wörtlich erwähnen.
-„In Bezug der Bekleidung der Mitglieder des Bundes wurde bestimmt, dass das ges. Offizierscorps in Uniform, das heißt – Schützenjoppe, Schützenhut und Degen erscheinen müsse.
Den übrigen Vorstandsmitgliedern bleibt es freigestellt, ob dieselben in Uniform oder im Civilanzuge sich an den Festzügen beteiligen wollen. Jedoch bleibt ersteres wünschenswert. Zur Tragung eines Degens sind die in Uniform erscheinenden Mitglieder des Vorstandes nicht berechtigt.
Der Chef des Bundes, sowie sämtliche Offiziere tragen als besondere Abzeichen ihrer resp. Stellungen goldene, auf weißem Felde ruhende, vom Kragen bis zur Schulter laufende Tressen, welche wieder je nach dem Grade ihrer Stellungen durch silberne Sterne markiert werden.
Allen Vorstandmitgliedern soll ein silberner Stern, welcher an einem Bande während des Festzuges sichtbar auf der Brust zu tragen ist, ausgehändigt werden.
Alle übrigen Vereinsmitglieder erhalten als Erkennungszeichen eine weißseidene Rose mit der Aufschrift “Richrather Schützenbund!“ -
Die Tatsache, dass mit der Gründung des Schützenbundes auch direkt eine Krankenkasse gebildet wurde, zeigt, dass man hier schon damals über der Freude am Schießsport hinaus den Gedanken des „sich gegenseitig schützen“ richtig erkannt und zu verwirklichen versucht hatte.
Im Jahre 1873 wurde der Krankenkasse auch noch eine Sterbekasse angegliedert.
Am 1. August 1883 wurde Wilhelm Reuter neuer Chef des Bundes gewählt. Er wurde 1890 von Joh. Fußbach abgelöst, der diese Amt zunächst bis 1896 und dann wieder ab 1898 innehatte. Zwischen durch war Wilhelm Bläser Chef.
Schon damals hatten die Schützen bei den alle zwei Jahre durchgeführten Schützenfesten ein Problem, ein ordentliches Königsvogelschießen durchzuführen. Die Polizeibehörde verlangte im Jahre 1898 besondere Sicherheitsvorkehrungen. Ohne einen schweren Kugelfang durfte nicht mehr auf den Vogel geschossen werden.
Ein fahrbarer Schießstand von dem „Reusrather Schützenverein“, (heute SV Langenfeld 1834) der für 25,- DM geliehen wurde, sorgte für Abhilfe.
In der Zeit zwischen 1902 bis 1909 hatte wohl, so berichtet das Protokollbuch weiter, der Verein einen Tiefpunkt erreicht.
Das geht vor allem aus den vielen Austritten hervor.
Das 40 jährigen Bestehen des Vereins wurde gemeinsam mit der „Kaisers-Geburtstagsfeier“ begangen.
Noch eine Interessante Aufzeichnung aus dem Protokollbuch möchte ich wörtlich aufführen.
-„Harte Strafen drohten die Statuten demjenigen an, der den Vereins-Veranstaltungen fern blieb. So wurde einem Mitglied, “welches durch Fehlen beim Schützenfestzuge am 1. und 2. Tage“ sich schuldig gemacht hatte, eine Strafe von 4,50 Mark auferlegt. Sollte sich der Schuldige weigern diesen Betrag an die Vereinskasse zu entrichten, wurde ihm mit dem Ausschluss aus dem Verein gedroht“ –
Bedingt durch Beginn des 1. Weltkrieges am 2.August 1914 kam das Vereinsleben sehr bald zum Erliegen.
Erst 1920 begann der Verein sich wieder zu regen. Johann Fußbach, der 29 Jahren Chef war, wurde zum „Ehrenchef auf Lebenszeit“ ernannt und sein Nachfolger wurde Joh. Hamacher.
1921 übernahm Stefan Fußbach das Amt als „Chef des Bundes“.
Im Dezember 1926 beschließt die Generalversammlung den Beitritt des Vereins zum „St. Sebastianus - Schützenbund des unteren Kreises Solingen“ und auch zur „Erzbruderschaft vom Heiligen Sebastianus“. Der Verein führte ab nun die Bezeichnung
„St. Sebastianus – Schützenbruderschaft - Schützenbund Richrath “!
„Der Hauptzweck der Umbenennung war“, so steht es wörtlich im Protokollbuch, „ um hierdurch in die heutige unerlässliche Lage zu kommen, einem St. Sebastianus - Verband beitreten zu können. Die dem Verein angehörigen evangelischen Mitgliedern sollen uns nach wie vor liebe Schützenbrüder bleiben und bei der Neuaufnahme von evgl. Seite soll nichts im Wege stehen.“
War das Verhältnis zur kath. Pfarrgemeinde Richrath schon immer gut, so wurde es durch die Umwandlung noch besser und enger.
Festgelegt wurde schon 1927, dass der jeweilige Pfarrer von St. Martin, (damals war es Pfarrer Breuer) als Ehrenpräses und der Kaplan (damals Kaplan Hauer) als Ehrenmitglied der Schützenbruderschaft angehören sollten.
Im Jahre 1930 feierte man das erste Bundesfest in Richrath, gemeinsam mit dem 60 – jährigen Bestehen. Die Bruderschaft hatte zu dieser Zeit 85 Mitglieder.
Trotz schlechter Kassenlage wurden für eine neue Glocke 2800 Mark gesammelt. Das waren schon 85 % von dem Neuwert einer Glocke.
In der Generalversammlung am 21. Januar 1934 wurde erstmalig in der Geschichte der Bruderschaft in der Person von Wilhelm Pröpper ein „Führer“ gewählt.
Drei Monate später erwartete der damalige Bürgermeister eine Auflösung der Bruderschaft und einen Beitritt zur Schützengilde Richrath – Reusrath. Mit 25 gegen 20 Stimmen wurde gegen eine Auflösung gestimmt. Allerdings war mit dieser Abstimmung ein tiefer Riss in die Gemeinschaft gekommen.
Es wurde immer wieder von innen und von außen weiter an der geforderten Auflösung gearbeitet und am 28. Mai 1934 stimmten die da noch anwesenden 30 Versammlungsbesucher für die Schützengilde. Damit war die öffentliche Arbeit der Bruderschaft unmöglich geworden.
Einige mutige Schützenbrüder hielten, trotz des Verbotes, an der Feier des Patronatsfestes, nach alter Tradition, fest.
Die Schützengilde boomte in den kommenden Jahren. 1936 zählte die Schützengilde Richrath – Reusrath bereits über
250 Mitglieder, davon waren 98 Mitglieder aus der „Kompanie Richrath“.
Nach dem neuen Grundsatz: “Schießen ist Dienst“ musste der Schießsport abgehalten werden.
Bei allen Schießveranstaltungen wie auch bei so genannten Zellenveranstaltungen, war das Erscheinen Pflicht.
Die einzelnen Vorstandsmitglieder wurden auch nicht mehr von den Mitgliedern der Gesellschaft gewählt, sondern der „Vereinsführer“ bestimmte, wer welche Aufgabe übernehmen sollte.
Das sind sicher die Gründe dafür, dass die Interessen an Versammlungen und gemeinsamen Veranstaltungen deutlich sinken ließen.
Als im Jahre 1939 der zweite Weltkrieg begann, ruhte die Gemeinschaft.
Nach Kriegsende, bereits am 20.10.1946 trafen sich auf Einladung des Richrather Pfarrers Carl Mause, 35 Männer, die eine „Wiederauflebung der Bruderschaft“ beschlossen.
Diese neu formierte Bruderschaft wird von der Erzbruderschaft anerkannt und gleichzeitig damit von der britischen Militär-Regierung „in ihrem gesamten althergebrachten Auftreten“ bestätigt.
Das erste Nachkriegsschützenfest wurde im Jahre 1947 angesetzt, obwohl die Militärregierung ein Ausschießen der Königswürde verboten hatte.
Daher entschloss man sich, den König durch ein „Königsstechen“ zu ermitteln. Der erste Sieger wurde Stephan Reuter, der dann auch feierlich in der Kirche von Pfarrer Mause gekrönt worden ist.
Die erste Vorstandswahl brachte folgendes Ergebnis:
1. Wilhelm Franken 1. Vorsitzender 2. Karl Knupp 2. Vorsitzender 3. Martin Patten 1. Schriftführer 4. Bernd Eßmeier 2. Schriftführer 5. Johann Adolfs 1. Kassierer 6. Peter Jungbluth jun. 2. Kassierer
7. Peter Lützenkirchen 1. Schützenmeister 8. Fritz Müller 2. Schützenmeister
9. Theodor Lange 1. Vors. Begleiter 10. Wilhelm Dickopp 2. Vors. Begleiter
11.Wilhelm Spielmann Fahnenträger 12. Josef Gladbach und August Müller Fahnenbegleiter
13. Heinrich Steinkrüger Ehrenadjutant
Es ging langsam aber stetig wieder aufwärts mit der richrather Bruderschaft.
Im Jahre 1949 wird die „Schützenkapelle Richrath“ gegründet und der Richrather Bruderschaft angeschlossen.
Das Verbot des Schießsportes wurde langsam gelockert und so konnte endlich das jährliche Schützenfest wieder in „althergebrachter Weise“ gefeiert werden.
Zur Beschaffung von einheitlichen Uniformen wurde eine Kleiderkasse gebildet.
Auf der Generalversammlung meldete der damalige stolze Kassierer einen Kassenbestand von 614,50 DM.
1950 wurde das Schützenfest als echtes Volksfest im Festzelt gefeiert, wobei der Schützenkönig nach verdeckter Liste ermittelt wurde.
Eine Verbundenheit mit dem Leben der Pfarre St. Martin, zeigte sich in der großen Teilnahme bei Fronleichnamsfesten und anderen kirchlichen Veranstaltungen. Religiöse Abende, die Unterstützung und Mitorganisation der Martinszüge und weiterer gemeinsamen Veranstaltungen gaben der Bruderschaft Gelegenheit zusammenzuwachsen und sich zu bewähren.
Nach langer Zeit konnten dann endlich im Jahre 1952 die Richrather Schützenbrüder wieder mit scharfer Munition dem Königsvogel aus Holz, zu Leibe rücken und Wilhelm Dickopp wurde Schützenkönig.
Heinz Knupp hat am 21.06.1953 erneut eine Jungschützenabteilung ins Leben gerufen. 18 Jungschützen marschierten erstmalig im Festzug der Immigrather Bruderschaft mit. Als erster Tellkönig ließ sich Hermann de Clerque feiern.
Am 13. September desselben Jahres, stiftete die Bruderschaft erneut eine Glocke für St. Martin, die „Sebastianus Glocke“. Paten waren Wilhelm Franken und Wilhelm Dickopp.
Am 8. Januar1956 bittet Brudermeister Wilhelm Franken aus Altersgründen um seinen Rücktritt.
Hans Litterscheid wird sein Nachfolger.
In diesen 100 Jahren hat sich echter Bruderschaftsgeist, der in den Idealen „Glaube – Sitte – Heimat“ begründet liegt, sich in der Richrather Bruderschaft bewährt.
Die Geschichte unserer Bruderschaft zeigt, dass sie sich den jeweiligen Zeiterscheinungen stellte und stets bemüht war, das Beste daraus zu machen.
HM Patten Benutzte Quellen:
Festschrift zum 100 jährigen Bestehen der St. Seb. Schützenbruderschaft Langenfeld – Richrath
im Jahre 1970
Verfasser: W. Leweke |